Sievers Geschichte

Einar Sievers saß an seinem Sekretär und studierte die Schriften, die ihm Heiler aus fremden Ländern mitgegeben hatten. Er strich sich über die mit schweren Ringen belegten Augen und zog sich in die Wohnstube zurück. Der vorgeheizte Kamin sorgte für eine wohlige Wärme im Raum. Sievers setzte sich gerade auf einen schweren Sessel davor, als eine durchsichtige Blase hereinschwebte. Misstrauisch ließ Sievers die Blase platzen. Eine raue Stimme, die zu seinem Freund Demud Olgar gehörte, sprach:
»Einar, die Tochter unseres Oberhauptes leidet seit zwei Wochen an seltsamen Symptomen. Die besten Heiler des Sternenclans sind ratlos. Ich glaube, dass, genau wie bei Ercho, ihre Magie sie verzehrt.«
Sievers' Atem stockte für einen Moment. Unwillkürlich klammerte er sich an die Armlehnen
»Nur du kannst Bigela Montfort noch helfen. Du musst sie dir anschauen. Komm morgen sofort als Erstes zur Residenz Montfort.«
Sievers atmete schwer aus und lief zum Fenster. Draußen war es so dunkel, dass er nur sein eigenes müdes Spiegelbild in der Scheibe sah. Vor einem Monat war Sievers nach Tharia zurückgekehrt. Bei seiner Rückkehr war aus seiner Heimatregion Worpik der Sternenclan geworden. Er wusste, was er zu tun hatte.

Sievers reckte den Kopf nach hinten, um mehr zu sehen. Vor ihm ragte die imposante Residenz Montfort auf. Aber es war nicht die Residenz, die er bewunderte. Es war das Massiv, vor dessen Füßen sie thronte. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, seit er das letzte Mal den Hyllberg von Nahem erblickt hatteMit einem warmen Lächeln wandte er sich der schweren Doppeltür zu, auf der ein silberner Stern über einer goldenen Bergspitze glitzerte. Noch bevor er klopfen konnte, öffnete sich die Tür von selbst. Demud Olgar stand im Rahmen, mit tiefen Falten auf der Stirn, die verschwanden, als er Sievers sah. »Ich habe dich kommen sehen. Den Geistern sei Dank, dass du da bist. Die Heiler sind komplett überfordert, ohne es zugeben zu wollen«, sagte Demud. Sievers lächelte matt.
»Als ich hörte, dass sich das Schicksal meines Sohnes wiederholt, musste ich handeln.«
Demud presste die Lippen aufeinander. »Es muss schwer für dich sein. Aber glaub mir, nur du kannst sie noch retten.«

Eine drückende, unnatürliche Stimmung herrschte in den prachtvollen Gängen des Westflügels. Diener tuschelten, wenn sie an ihnen vorbeikamen. Als sie durch eine schwere Holztür traten, erkannte Sievers das wahre Ausmaß der Katastrophe. Das Zimmer wirkte unnormal steril, trotz des Prunks. Es musste aus Panik übergesäubert worden sein. Drei Tierweltler in weißen Roben standen um ein großes Himmelbett herum, in dem eine junge Schattenweltlerin bewusstlos dalag. Ihre Brust hob und senkte sich im Sekundentakt. Ein großer Schattenweltler in einem eleganten Gewand saß an ihrem Bett und strich über ihre Hand. Neben ihm stand eine Frau, still, die Augen rot geschwollen.

»Herr Montfort, ich habe Einar Sievers mitgebracht. Er kann helfen, Bigela zu heilen.«
Ihre Eltern sahen auf. Sievers erkannte in Herrn Montfort eine Müdigkeit, die sich schnell in Wut umwandelte.
»Demud, du bringst einen Unbeteiligten hierher?«, fragte Herr Montfort. »Verzeihen Sie mir, aber er ist die letzte Hoffnung, Bigela zu heilen.«
Frau Montfort begann zu schluchzen und wiegte sich vor und zurück. Einer der Tierweltler drehte sich zu ihnen. Seine Wange zuckte unheilvoll. »Der Lehrer soll helfen können? Ist ja lächerlich«, grunzte er.
Sievers trat vor und betrachtete mit leichtem Abstand die junge Frau auf dem Bett. Ihre Haut hatte das Grau fast gänzlich verloren. Wenn es das war, was Sievers vermutete, musste sie gerade einen Ausbruch gehabt haben. Ein Bild blitzte in Sievers' Gedächtnis auf, das Bild eines jungen Feuerweltlers auf einem Bett, umgeben von pulsierender Magie, dessen Hand erschlaffte. Er schloss für einen Moment die Augen, um das Bild zu verdrängen, öffnete sie aber sofort wieder. Ohne auf die starrenden Heiler zu achten, trat er näher an das Bett.
»Wie alt ist Ihre Tochter?«
»Sie ist vor zwei Wochen achtzehn geworden. Warum?«
Sievers nickte wissentlich. »Weil es immer ab einem gewissen Alter beginnt. Lassen Sie mich Ihre Tochter untersuchen.«
Herr Montfort runzelte die Stirn. »Sie sind ein Feuerweltler, Sie haben keine Heilerfähigkeiten. Wie wollen Sie sie untersuchen?«
»Ich kann Ihnen sagen, was Ihre Tochter hat, wenn Sie mir vertrauen.«
Herr Montfort schaute zu den drei Heilern, die ihre Köpfe zusammensteckten. Dann zu seiner weinenden Frau.
»Keiner konnte bisher erkennen, was meiner Tochter fehlt. Wenn die besten Heiler des Clans nicht wissen, welche Krankheit sie befallen hat, vielleicht sollte ich doch die Meinung eines Unbeteiligten anhören.«
Der Heiler, der sich vorher bereits mokiert hatte, reckte die Brust. »Herr Montfort, ich bitte Sie, was kann ein Feuerweltler schon ausrichten?«
Herr Montfort zeigte mit einem Finger auf die Heiler.
»Sie haben zwei Wochen lang meine Tochter untersucht und auch nichts gefunden«, sagte er, bevor er sich wieder Sievers zuwandte
. »Herr Sievers, ich lasse Sie gewähren.«
Sievers neigte leicht den Kopf.
»Danke für Ihr Vertrauen.«

Sievers legte unter den Augen aller eine Hand auf die Wange des Mädchens. Feine Blitze stiegen aus seinen Händen, die durch ihren Körper fuhren. Vorsichtig strich er über ihren Hals.
»Welche ist ihre Magiehand?«
»Die Rechte.«
Sievers nahm die rechte Hand in seine und strich mit den Blitzen sanft darüber. Er spürte die Magie, die stark in ihr pulsierte. Aber es war kein normales Pulsieren. Ein unregelmäßiges Pochen, das immer wieder die magischen Impulse unterbrach, bestätigte seine Befürchtung. Mit zusammengepressten Lippen richtete er sich wieder auf. »Schon als ich sie gesehen habe, erkannte ich die Symptome. Jetzt weiß ich, dass nicht Bigela erkrankt ist. Es ist ihre Magie.«
Frau Montfort hörte auf zu schluchzen und sah Sievers misstrauisch an. »Was bedeutet das?«
»Das ist eine magische Störung.«
Die Heiler glotzten ihn ungläubig an. Herr Montfort hob erschrocken den Kopf.
»Ihre Magie ist krank? Aber woher wissen Sie das?«
»Seit ich wieder nach Tharia zurückgekehrt bin, wurde ich immer wieder gefragt, warum ich beim Bürgerkrieg nicht beteiligt war. Nun, das lag hauptsächlich daran, dass ich gar nicht im Lande war. Die letzten fünf Jahre habe ich in der Ferne Nachforschungen betrieben.«
Sievers schluckte einen schweren Kloß herunter, bevor er weitersprach, darauf bedacht, dass seine Stimme nicht zitterte.
»Mein Sohn ist an seiner erkrankten Magie gestorben und ich konnte ihn nicht retten. Aber jetzt habe ich das Wissen, um gleiche Schicksale zu verhindern.«

Herr Montfort runzelte die Stirn. »Sie reden von Schicksalen?«
»Es wird nicht bei Ihrer Tochter bleiben, Herr und Frau Montfort. Ich habe Aufzeichnungen gefunden, die besagen, dass in Tharia schon öfter solche Symptome aufgetaucht sind, die keiner heilen konnte. Weitere Weltler in Bigelas Alter werden betroffen sein und es wird nicht mit ihnen aufhören. Ich brauche einen Ort außerhalb der Clans, wo ich Heiler ausbilden kann und die Betroffenen vor der Welt schützen kann.«
Herr Montfort stand auf und straffte die Schultern. »Sie wollen mir meine Tochter entreißen?«
Frau Montfort stand auf einmal kerzengerade da. Kein Zittern, keine Tränen waren mehr sichtbar.
»Sie nehmen mir meine Tochter nicht weg!«
Sievers schüttelte langsam den Kopf. »Sie wird nicht für immer gehen. Ich habe herausgefunden, dass die vollständige Heilung einer magischen Störung fünf Jahre benötigt. Wenn Sie mir nicht vertrauen, wird es die magische Störung sein, die Ihnen Ihre Tochter raubt. Ich konnte meinen Sohn nicht retten«, sagte Sievers und versuchte das Zittern in seinen Händen zu verbergen.
»Aber ich kann andere retten, wenn man mich lässt.«

Herr Montfort starrte Sievers an. Die Stille im Raum war plötzlich drückend. Er sah in die weit aufgerissenen Augen seiner Frau. Dann wanderte sein Blick von den Heilern, die immer noch ungläubig glotzten, zu Demud. Dieser nickte ihm ernst und ermutigend zu. Sein Berater hatte ihn noch nie enttäuscht, warum sollte er jetzt falsch liegen? Er sah zu Sievers und erkannte, dass er einen Mann vor sich hatte, der wusste, wovon er sprach. Zuletzt sah er auf seine Tochter, deren Brust sich weiterhin unnatürlich flach hob und sank. Die Schultern des mächtigen Oberhauptes sackten herab. Er war nur noch ein verzweifelter Vater, der keine Lösung mehr wusste.
»Herr Sievers«, sagte er leise. Er sah Sievers direkt in die Augen. »Ich vertraue Ihnen. Ich werde Ihnen einen Ort geben, wo Sie alles unternehmen können, um Bigela und andere mit denselben Symptomen zu heilen.«