Ein kleiner blick in Band 2
Am nächsten Vormittag wartete Kiran zusammen mit Jaro und anderen Jungen in einem sehr edlen Ballsaal auf den Tanzlehrer. Der Boden, auf dem sie standen, war aus feinstem Großbaumholz, in das ein geschnörkeltes Muster eingelassen war. Ihre teils von Erwartung, teils von Unsicherheit geprägte Stimmung spiegelte sich im versilberten Glas ihnen gegenüber. Ein großer Kristallleuchter hing an der bemalten Decke. Jedes der Bilder zeigte Paare in tanzenden Posen. Weiße Samtvorhänge zierten die großen Fenster hinter ihnen.
»Kann dieser Lehrer sich endlich mal zeigen?«, moserte Jaro, der den Unterricht so schnell wie möglich hinter sich bringen wollte.
»Wenn Sie so ungeduldig sind, wollen Sie den Unterricht leiten? Auf was warten Sie? Stellen Sie sich gefälligst in Reih und Glied auf.«
Eine ölige Stimme kam von der Eingangstür. In dieser stand ein weißschuppiger Feuerweltler, dessen schmales Gesicht arrogant zu ihnen herübersah. Er hatte lange hellrote Haare und genauso rote Augen. Gekleidet war er in ein langes Gewand, in das feine Goldfäden eingestickt waren. Kiran war sich nicht sicher, aber er meinte, einen goldenen Schimmer an seinen Hörnern zu erkennen.
Nach einigem Gewusel hatten sie sich in der Mitte des Raumes aufgestellt.
»Ich heiße Sie alle herzlich willkommen. Mein Name ist Athanasius Dewald.«
Er schritt vor ihnen auf und ab, in der Hand einen langen Rohrstock. Als er Kiran erreichte, blieb er stehen.
Mit verengten Augen musterte er seine Uniform. Es kam Kiran vor, als würde er ihn für seine Kleidung verurteilen. Dann drückte er ihm den Stock verächtlich unters Kinn.
»So, Kiran Norwod ist auch endlich hier.«
Er drückte mit dem Rohrstock Kirans Kopf so weit ins Genick, dass es schon fast wehtat. »Aber glauben Sie ja nicht, dass ich mich vor Ihnen verbeuge. Vor Ihrem Vater habe ich den nötigen Respekt, aber vor einem Burschen wie Ihnen sicher nicht.«
Mit einem müden Lächeln sah er auf Kiran herab, als erwartete er eine Spur von Angst. Doch Kiran schob nur angewidert den Rohrstock beiseite.
»Das habe ich auch nie erwartet.«
»Gut, dann lernen Sie gleich, wo Sie stehen.«
Wieder schritt Dewald vor ihnen auf und ab.
»Der Halepoder ist ein traditioneller Tanz, der viel Übung benötigt. Deshalb werden Sie jetzt jeden Tag herkommen, um ihn einzustudieren. Nun zum Tanz. Erst einmal: Was ist der Halepoder? Wie Sie sicher wissen, ist der Halepoder ein ritueller Tanz, der zeigt, dass Sie im heiratsfähigen Alter sind. Es ist eine Tradition, die es schon lange in unserer Kultur gibt. Und obwohl das Land kein Königreich mehr ist, wird dieser Tanz im ganzen Land weiter aufgeführt. Das heißt für Sie: Wer das nicht ernst nimmt und Blödsinn macht, wird bestraft«, betonte Dewald und schlug mit dem Rohrstock in seine Hand. Die ganze Klasse zuckte zusammen. Ihr Unbehagen war förmlich greifbar, während Dewald vor ihnen stehen blieb. »Zuallererst lernen Sie die Figuren. Diese üben wir im Stand. Der Halepoder beginnt mit einer tiefen Verbeugung, ein Zeichen, dass Sie sich vom Leben vor der Ehe verabschieden.«
Herr Dewald kreuzte das linke Bein über das rechte, streckte seine Arme aus und beugte sich so tief hinunter, dass sein Kinn fast die Knie berührte. »Jetzt sind Sie dran.«
Ungeschickt begann einer nach dem anderen, die Beine zu kreuzen und sich langsam nach vorne zu beugen. Herr Dewald ging hinter ihnen vorbei, um mithilfe seines Rohrstockes ihre Haltung zu korrigieren.
»Tiefer runter«, kommandierte er und verpasste Kiran einen Hieb auf seine Wirbelsäule. Kiran ächzte auf und bemühte sich, seinen Körper weiter herunterzubeugen, was recht anstrengend war, da er sich sonst nie so bewegte.
»Arme weiter auseinander«, hieß Dewald Jaro an und schlug ihm auf die Schulter. Jaro grunzte vor Schmerz und streckte seine Arme weiter aus. Jeder, der sich in Dewalds Augen nicht richtig bewegte, wurde geschlagen.
Erst als sie unter Schmerzen mit ihrem Kinn die Knie berührten, war Herr Dewald zufrieden.
»Gut, die Verbeugung bekommen Sie hin. Dann zeige ich Ihnen die ersten Schritte.«
Nach und nach lernten sie die Schritte, nicht ohne sich für jeden Fehler einen Schlag mit dem Rohrstock einzuhandeln.
Der Unterricht ging zu Ende und wieder standen sie in Reih und Glied vor Herrn Dewald. Erschöpft rieben sie sich ihre geschundenen Körper. »Für heute reicht es. Morgen machen wir an genau der Stelle weiter. Sie können gehen.«