Elio der Bibliothekar

 

Mit einem schweren Seufzer räumte Elio die letzten Bücher aus einem hohen Regal in einen Karton. Er wollte es nicht, aber er hatte keine Wahl. Seit acht Genrationen führte die Familie Lyfgrell die Landesbibliothek von Tharia.

»Ich verliere meine Bibliothek nur, weil es da draußen Weltler gibt, die alle gleichzeitig herrschen wollen.«

Er stieß einen harten Luftzug aus, während er den letzten Karton verschloss. Elio schleppte den Karton nach Draußen, zu einem Wagen, auf dem ein gefährlicher Turm aus Kisten stapelte. Nachdem er den letzten Karton irgendwie auf den Stapel gestellt hatte und mit einem großen Schlüssel das massive Schloss der gewaltigen Eingangstür zugeschlossen hatte, stieg er auf den Kutschbock. Ein letzter schwerer Blick fiel auf das prächtige Gebäude.

Während Elio so an die Zeiten dachte, als die alten Hallen gefüllt waren mit Weltlern aus ganz Tharia, die bis oben gelagerte Regale mit Büchern absuchten, holte ihn eine sanfte Berührung aus den Gedanken. Ein Feuerweltler stand an der Kutsche. Ein brauner Vollbart bedeckte das freundlich lächelnde Gesicht.

»Guten Tag, junger Mann. Wie ich sehe, geben Sie die Landesbibliothek auf.«

Elio rollte die Augen. Er plapperte drauf los wie es nun mal seine Art war. Aber es lag keine Heiterkeit, wie sonst, in seiner Stimme.

»Von aufgeben kann nicht die Rede sein. Ich werde dazu genötigt. Die Clans wollen nicht, dass es öffentliche Orte außerhalb der Grenzen gibt. Es hieß, entweder ich kümmere mich darum, oder die Bibliothek wird abgerissen und die Bücher verbrannt. Wie kann man Büchern sowas nur antun. Sie sind doch heilig ‒«

»‒Ich unterbreche Sie nur ungerne, aber was genau machen Sie mit den Büchern?«, fragte der Fremde.

Elio seufzte noch einmal schwer.

»Was kann ich schon machen. Ich werde sie in meinem Keller einlagern. Dort werden sie im Staub vergammeln. Kein Weltler wird sie je wieder in die Hand nehmen geschweige denn darin lesen‒«

»‒Sie müssen Ihre Bücher nicht aufgeben.«

Elio runzelte die Stirn.

»Mein Name ist Einar Sievers und ich baue gerade ein Institut für Weltler, die Probleme mit der Magie haben. Die jungen Weltler brauchen das Wissen aus Ihren Büchern. Ich möchte, dass Sie mir Ihre Bücher überlassen.«

Für einen Moment erhellte sich Elios Gesicht. Zu wissen, dass jemand Nutzen an seinen Büchern hatte, freute ihn. Doch die Freude währte nicht lange.

»Ich möchte eigentlich nicht nein sagen, aber junge Weltler sind nicht gut im Umgang mit Büchern. Wer garantiert, dass meine Bücher nicht zerstört werden?«

Einar Sievers lächelte.

»Meine Schützlinge sind keine Vandalen. Ich möchte ihnen nur das Wissen bieten, das ihnen durch die Schließung der Landesbibliothek verwehrt wird. Ich versichere Ihnen, dass Ihre Bücher auf meinem Institut besser aufgehoben sind, als in Ihrem Keller.«

»Können Sie das garantieren?«

Einar Sievers Lächeln wurde breiter.

»Nun, Sie sind doch Bibliothekar. Und ohne die Bibliothek haben Sie keine Arbeit. Möchten Sie nicht auf meinem Institut arbeiten und dafür sorgen, dass Ihre Bücher mit Sorgfalt behandelt werden?«

Elio blinzelte schnell mehrmals hintereinander. Dieser Weltler bot ihm gerade an, seine Bibliothek weiter zu führen. Er würde wieder Weltler zwischen Bücherregalen sehen und ihnen mit Wissen über die Bücher helfen können. Er bliebe ein Hüter der Bücher.

»Sagen Sie mir wohin ich die Bücher bringen soll, dann fahre ich sofort dorthin. Sollte die Bibliothek noch nicht stehen, würde ich, wenn möglich, die Gestaltung bestimmen. Keine Sorge, es wird toll werden. Ich habe schon viele Ideen…